In den Epstein-Akten, den kürzlich veröffentlichten Dokumenten über den Fall des amerikanischen Finanziers Jeffrey Epstein, wurde eine junge deutsche Frau identifiziert, die vor mehr als zehn Jahren verschwunden ist. Michele war 22 Jahre alt, als sie im September 2015 verschwand, nachdem sie mit einem Koffer das Haus ihrer Mutter verlassen hatte. Von ihr fehlt bis heute jede Spur.
Gemeinsame Recherchen der ZDF-Sendung „Die Spur“ mit dem Spiegel und Paper Trail Media ergaben, dass Michele Epstein von einem Modelscout namens Daniel Siad angeboten wurde. In E-Mails aus den Archiven ist zu sehen, wie Siad Fotos von ihr schickt und lobt: „Sie ist ein Mädchen, das ich sehr gut kenne, eine wundervolle Person. Du wirst sie lieben.“
Die Eltern Annett und Vlado leben seitdem ohne Antworten. Die Familie meldete das Verschwinden im Oktober 2015, doch die Polizei fand keine Hinweise auf eine Straftat und die aktive Suche kam nicht voran. Erst jetzt, mit der Entdeckung in amerikanischen Archiven, erhält der Fall neuen Schwung.
Modelscout Daniel Siad steht im Mittelpunkt des Verdachts
Daniel Siad taucht hunderte Male in den Epstein-Akten auf. Gegen ihn wird in Frankreich wegen Vergewaltigung und Menschenhandels ermittelt – fünf Frauen haben bereits Anzeige erstattet. Siad bestreitet die Vorwürfe und behauptet, keine Kenntnis von Epsteins Missbrauchsplänen zu haben. Weder er noch sein Anwalt reagierten auf Kontakte des Meldeteams.
Michele träumte davon, Model zu werden. Die Mutter erinnert sich, dass ihre Tochter Siad in einem Nachtclub in Dubai traf, wo er sich als Pfadfinder vorstellte und anbot, Fotos zu machen. Pater Vlado sagt, er habe kurz vor dem Verschwinden einen angespannten Anruf gehört, in dem Siad das junge Mädchen zu beschimpfen schien.
Was die Akten über das Rekrutierungssystem verraten
Siads Nachrichten an Epstein folgen einem Muster, das in anderen Kontakten festgestellt wurde: Junge Frauen werden als „Merchandise“ beschrieben und ihnen wird eine Karriere in der Modewelt versprochen. In einem der Auszüge erwähnt er, dass er Mädchen aus mehreren Ländern geschickt hat, darunter eine 15-Jährige, deren Eltern mit der Modelmöglichkeit „zufrieden“ waren.
Die Entdeckung verbindet den Michele-Fall direkt mit der Funktionsweise von Epsteins Kreis, der die Model- und Escort-Branche nutzte, um Opfer anzulocken. Die Familie bestätigte gegenüber dem Bericht, dass Michele über einen von Siad betriebenen Begleitservice gesprochen habe.
Die polizeilichen Ermittlungen könnten ihren Verlauf ändern
Bis Anfang dieses Jahres plante die deutsche Polizei mangels neuer Hinweise keine öffentliche Durchsuchung. Nun muss die Staatsanwaltschaft die Einleitung einer förmlichen Untersuchung prüfen. Parlamentarier wie der Abgeordnete Konstantin von Notz fordern mehr Tempo bei den Ermittlungen zu deutschen Zusammenhängen in den Epstein-Akten.
Der internationale Bericht kreuzte Daten aus Leaks, Gesichtserkennungstools und forensischen Analysen von Mobiltelefonen, konnte Michele jedoch nach 2015 nicht mehr ausfindig machen. Die Eltern hoffen, dass die neue Sichtbarkeit Informationen bringt, die das Schicksal ihrer Tochter klären.

